Grenzen setzen: Schlüssel zur langfristigen Stabilität und Erfolg
Du wirst ständig gebeten, Last-Minute-Aufgaben zu übernehmen, weil du bekannt dafür bist, schnell und effizient zu arbeiten? Und weil du Teamgeist zeigen und deine Karriere voranbringen möchtest, sagst du gerne zu. Dein Schreibtisch ist aber eigentlich schon voll.
Wenn du nicht ab und zu auch einmal „Nein“ sagst, kann das auf Dauer zu Problemen führen. Schnell findest du dich regelmäßig noch spätabends im Büro wieder, arbeitest an Wochenenden und fühlst dich zunehmend erschöpft und überfordert. Darunter leidet die Qualität deiner Arbeit und im schlimmsten Fall auch deine Gesundheit.
Spätestens das ist ein klares Zeichen dafür, dass es dir nicht gelungen ist, effektive Grenzen zu setzen. Aber keine Sorge: Mit ein paar Tricks und Techniken kannst du lernen, wie es besser geht. Wir haben uns mit Karriereexpertin Kathrin Gülgel (Head of Strategic Candidate Management) darüber unterhalten, wie man es schafft, im Job klare Grenzen zu ziehen.
In diesem Beitrag geben wir dir praktische Tipps, mit denen auch du deine eigenen Grenzen erkennen und diese klar und deutlich gegenüber Kolleg*innen, Vorgesetzten und Kund*innen kommunizieren kannst.
Warum ist es wichtig, im Beruf Grenzen zu setzen?
Viele Menschen tun sich schwer damit, ihre Grenzen zu kommunizieren. Häufig spielt die Angst vor Konflikten oder Ablehnung dabei eine Rolle. „Die Sorge, andere könnten von uns enttäuscht sein, hält uns oftmals davon ab, unsere Bedürfnisse klar zu kommunizieren. Das ist aber absolut entscheidend. Denn klare Grenzen stellen sicher, dass jeder im Team seine Rollen und Verantwortlichkeiten kennt. Sie helfen dabei, die eigene Arbeitsbelastung zu kontrollieren, Burnout vorzubeugen und die Qualität der geleisteten Arbeit zu verbessern“, erklärt Gülgel.
Was passiert, wenn ich keine Grenzen setze?
Das Fehlen klarer beruflicher Grenzen kann tiefgreifende Auswirkungen auf Mitarbeitende, das Arbeitsumfeld und sogar auf die gesamte Organisation haben: Nehmen Mitarbeitende häufig mehr Arbeit auf sich, als sie bewältigen können, führt dies zu langen Arbeitsstunden und Stress. Über die Zeit kann das sogar einen Burnout verursachen.
Zusätzlich führt das Fehlen von Grenzen zu einer erhöhten Fehleranfälligkeit. Wer ständig an der Belastungsgrenze arbeitet, macht eher Fehler, da Stress und Erschöpfung die Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. In kritischen Situationen, in denen vielleicht "die extra Meile" gegangen werden muss, fehlt dann oft die notwendige Energie, um die geforderte Leistung zu erbringen. Dies kann die Einhaltung von Fristen negativ beeinflussen und letztendlich auch Projektziele gefährden.
Das Fehlen von Grenzen kann auch zu Spannungen und Konflikten zwischen Kolleg*innen führen, wenn beispielsweise einige Teammitglieder regelmäßig mehr Last tragen als andere. Wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, dass ihre Grenzen nicht respektiert werden, kann sich das außerdem negativ auf ihre Zufriedenheit auswirken und zu einer höheren Fluktuation führen. Das Setzen von Grenzen ist also ebenso entscheidend für die langfristige Stabilität und den Erfolg eines Unternehmens.
Die Kunst des Nein-Sagens: Methoden zum effektiven Grenzen setzen
Aber wie genau schafft man es, höflich, aber bestimmt „Nein“ zu sagen, ohne unfreundlich oder arbeitsscheu zu wirken? Die folgenden Beispiele und Tipps von Kathrin Gülgel helfen dir dabei:
- Setze Prioritäten!
Beginne damit, klare Prioritäten zu setzen und identifiziere, was für dich wirklich wichtig ist. Nimm dir Zeit, um deine Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu bewerten: Bist du überhaupt zuständig? Welche Aufgaben sind wirklich dringend? Welche bringen dich deinen Zielen näher? Welche können eventuell delegiert werden?
Achte auf deine eigenen Limits und setze klare Regeln für dich selbst. Nutze diese Priorisierung, um Anfragen, die weniger wichtig sind, abzulehnen oder zu delegieren. Das klare Kommunizieren dieser Prioritäten hilft dir dabei, unrealistische Anforderungen abzuwehren und die eigenen Grenzen zu wahren. - Bereite dich gut vor!
Bereite dich vor Gesprächen gut vor, wenn du weißt, dass du um zusätzliche Aufgaben gebeten werden könntest. Überlege dir deine Argumente und die Gründe für dein Nein genau. Notiere dir deine aktuellen Aufgaben und den Zeitaufwand, den diese erfordern. Nutze diese Informationen, um deine Kapazitätsgrenzen im Gespräch deutlich zu machen. - Sei konfliktfähig!
Das Setzen von Grenzen kann zu Konflikten führen, besonders wenn andere Personen andere Erwartungen haben. Achte darauf, konfliktfähig zu sein! Habe keine Angst vor Konflikten, sondern sieh sie als Möglichkeit, Missverständnisse zu klären und die Beziehungen am Arbeitsplatz zu stärken. Kommuniziere deine Bedürfnisse deutlich und konstruktiv, ohne dabei aggressiv zu wirken. Suche nach Kompromissen, die sowohl deine Bedürfnisse als auch die Anforderungen des Jobs berücksichtigen. - Begründe deine Aussagen!
Nenne konkrete Gründe für dein Nein und biete nach Möglichkeit Alternativen an. Wenn ein Kollege dich bittet, eine Aufgabe zu übernehmen, die deine Kapazitäten überschreitet, könntest du sagen: „Ich verstehe, dass das Projekt wichtig ist. Aber aufgrund meiner aktuellen Verpflichtungen kann ich diese zusätzliche Aufgabe nicht übernehmen, ohne dafür etwas anderes zu vernachlässigen. Vielleicht kann [ein anderer Kollege] helfen.“ - „Nein“ ist ein ganzer Satz!
Du musst nicht immer eine ausführliche Erklärung für dein Nein liefern. Manchmal ist ein einfaches „Nein“ ausreichend. Wenn dir eine zusätzliche Aufgabe angeboten wird, die du einfach nicht übernehmen kannst, sag einfach: „Danke für das Angebot, aber das kann ich momentan nicht übernehmen.“ - Bleibe konsequent!
Wenn du einmal „Nein“ gesagt hast, bleibe dabei. Das hilft anderen, deine Grenzen besser zu verstehen und zu respektieren. Wenn du erneut gefragt wirst, bestätige einfach deine ursprüngliche Entscheidung: „Wie ich bereits erwähnt habe, kann ich aufgrund anderer Verpflichtungen nicht an dem Projekt teilnehmen.“ - Setze auch digitale Grenzen!
Auch wenn es banal klingt: Abwesenheitsnotizen gibt es nicht ohne Grund. Nutze technische Hilfsmittel wie automatische Antworten auf E-Mails oder Kalenderblöcke, um deine Verfügbarkeit zu kommunizieren und Grenzen zu setzen. - Hab keine Schuldgefühle!
Viele Menschen fühlen sich schuldig, wenn sie „Nein“ sagen, besonders wenn sie anderen helfen wollen. Es ist wichtig, dieses Gefühl zu überwinden
Typische Situationen für Grenzüberschreitungen im Job
Achte immer darauf, sowohl respektvoll als auch bestimmt aufzutreten, um deine eigenen Bedürfnisse und die Anforderungen des Jobs gleichermaßen zu berücksichtigen. Kathrin Gülgel hat für uns außerdem typische Situationen für Grenzüberschreitungen im Berufsalltag analysiert. Die Antwortbeispiele zeigen, wie du darauf reagieren kannst. Nicht immer geht es dabei darum, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Auch wenn es dir zu privat und persönlich wird, solltest du dies klar ansprechen:
- Zu viele Aufgaben auf einmal. Deine Vorgesetzte oder ein Kollege bitten dich, eine zusätzliche Aufgabe zu übernehmen, obwohl dein Arbeitspensum bereits sehr hoch ist.
Antwortbeispiel: „Ich verstehe, warum das Projekt wichtig ist, aber derzeit bin ich voll ausgelastet mit […], die bis […] fertig sein müssen. Können wir über die Priorisierung der Projekte sprechen oder gibt es jemand anderen im Team, der die Aufgabe vorübergehend übernehmen könnte?“ - Dein Vorgesetzter erwartet, dass du auch außerhalb der Arbeitszeiten erreichbar bist.
Antwortbeispiel: „Um eine gute Work-Life-Balance zu gewährleisten, schlage ich vor, dass wir klare Richtlinien festlegen, wann ich erreichbar bin. Nach 18 Uhr und an den Wochenenden werde ich nur in Notfällen auf Nachrichten reagieren.“ - Anfragen nach Hilfe, die eigentlich ein verstecktes Zuschieben von Aufgaben sind:
Antwortbeispiel: „Ich würde dir gerne helfen, aber ich denke, es ist wichtig, dass du diese Fähigkeit selbst entwickelst. Wenn du möchtest, kann ich dir zeigen, wie ich an diese Aufgabe herangehen würde, damit du sie selbstständig bewältigen kannst.“ - Es wird erwartet, dass du regelmäßig Überstunden machst, um Projekte abzuschließen.
Antwortbeispiel: „Ich habe bemerkt, dass wir oft Überstunden machen müssen, um unsere Ziele zu erreichen. Können wir unsere Projektplanung überprüfen, um realistischere Fristen zu setzen, sodass Überstunden die Ausnahme und nicht die Regel sind?“ - Persönliche Grenzüberschreitungen: Ein Kollege macht oft persönliche Kommentare, durch die du dich unwohl fühlst.
Antwortbeispiel: „Ich fühle mich unwohl, wenn wir über solche persönlichen Themen sprechen. Mir ist es lieber, wenn wir uns auf unsere beruflichen Aufgaben konzentrieren.“ - Zu kurzfristige Deadlines: Du erhältst Aufgaben mit unrealistisch kurzen Fristen.
Antwortbeispiel: „Wenn ich das Projekt gut umsetzen soll, benötige ich ausreichend Zeit für die Bearbeitung. Diese Deadline könnte die Qualität beeinträchtigen. Können wir eine Verlängerung der Frist oder eine Anpassung des Projektumfangs diskutieren?“
Fazit: Mehr Erfolg und Zufriedenheit im Job durch klare Grenzen
Effektives „Nein“-Sagen beginnt mit dem Verständnis deiner eigenen Limits. An den passenden Stellen „Nein“ zu sagen, wird dir langfristig im Job helfen. Wenn du lernst, deine Bedürfnisse und Grenzen klar zu kommunizieren, steigerst du nicht nur deine Effektivität, sondern auch deine Zufriedenheit. Denke daran: Klare Grenzen sind sowohl für dich als auch für dein Team gut. Das schließt ein, empathisch zu sein, aber gleichzeitig standfest zu bleiben, um nicht mehr Arbeit zu übernehmen, als du tatsächlich bewältigen kannst. Das Üben der vorgestellten Techniken wird dir dabei helfen, Grenzen im Job zu setzen.

