Der Kandidat hat 100 Punkte. Falsch! Der Arbeitgeber hat 100 Punkte, muss es künftig heißen. Denn das Sagen haben immer häufiger Bewerber, nicht mehr Unternehmen. Zukünftig werden die Firmen die Bewerbungen schreiben. Die potenziellen Mitarbeiter sichten die Angebote und wählen ihre Favoriten aus. Die besten Arbeitgeber dürfen sich dann persönlich vorstellen. Zum Abschied erhalten sie ein trockenes „Ich melde mich.“ und hoffen auf den Rückruf des Arbeitnehmers.
Director Marketing, Corporate Communications & Digital, bei der ManpowerGroup seit 11/2011
Lieber Arbeitgeber, ich habe heute leider kein Foto für Dich
Derartige Planspiele werden tatsächlich gedacht, auch öffentlich. Beim 1. Recruiterslam in Stuttgart lieferte Robindro Ullah einen Vorgeschmack auf die Arbeitgebersuche im Jahr 2042. Die Computer-Assistentin Siri scannt das Web nach passenden Arbeitgeber-Kandidaten. Zur Verfeinerung recherchiert sie nach Kleidungsstil der potenziellen Kollegen und nach Hinweisen auf die Unternehmenskultur. Der Arbeitnehmer entscheidet auf Basis des Profils, welches Unternehmen in die engere Wahl kommt.
Das Szenario Arbeitgeber-Casting ist sicher ein wenig drastisch dargestellt. Fakt ist aber, dass wir gerade einen Rollentausch am Arbeitsmarkt erleben. Bei der ManpowerGroup sprechen wir vom Human Age. Gemeint ist damit, das wirtschaftlicher Erfolg von Unternehmen maßgeblich von der Verfügbarkeit qualifizierter und motivierter Talente abhängt.
Umparken im Kopf – und an die Kandidaten denken
Ein erstes Umdenken erkennt man zum Beispiel an den Stellenausschreibungen. Arbeitgeber stellen sich heute erst einmal vor, bevor sie ihre Forderungen stellen. Sie beschreiben mit vielen Details, was sie ihren Mitarbeitern zu bieten haben. Erst danach kommen die Anforderungen an Können und Person des Kandidaten. Und selbst die werden häufiger als früher als Wünsche formuliert.
Bei vielen Arbeitgebern steigt zudem die Sorge, dass ihre heiß umworbenen Fachkräfte schnell wieder das Weite suchen. Unternehmen legen sich also ins Zeug, dass die Talente zu ihnen kommen und auch bleiben. Einige Firmen stellen gar so genannte Feel Good Manager ein, die für ein Wohlfühlklima sorgen. Der derzeitige Hype um das Thema Employer Branding bestätigt dies.
Karriereseiten als Play Station
Ein Umparken in den HR-Köpfen ist allerdings auch beim Bewerbungsprozess notwendig, Stichwort: Candiate Experience. Die Nase vorn hat künftig, wer Fachkräfte umwirbt und nicht verwaltet. Der Erlebnisfaktor spielt eine entscheidende Rolle. Recruitainment entwickelt sich zu einer zentralen HR-Disziplin. Warum nicht potenzielle Bewerber mit Spiel- und anderen Unterhaltungselementen für sich begeistern? Es muss ja nicht gleich die schon legendäre Karrierejagd durchs Netz sein.
Personalmanager werden damit künftig mehr zu Marketing-Profis. Sie werden Aktionen auf Facebook durchführen und kanalübergreifendes Arbeitgebermarketingbetreiben.
Schaut man sich aktuelle Zahlen zum Fachkräftemangel an, können Unternehmen jedoch gar nicht früh genug loslegen mit dem Employer Branding. Auf den Punkt gebracht: Wer als Arbeitgeber nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit!

