Der Büro-Tag von 09:00 Uhr bis 17:00 Uhr hat inzwischen einen schlechten Ruf: Er gilt als starres Korsett mit Anwesenheitspflicht und vor Überstunden schützt er auch nicht. Wäre es nicht wünschenswert, die Möglichkeit zu haben, zu kommen und gehen, wie es gerade für einen selbst passt? Vertrauensarbeitszeit heißt das Zauberwort, mit dem alles besser sein soll.
Die Arbeitgeber „vertrauen“ dabei ihren Angestellten, dass sie ihre Arbeitspflichten erfüllen – ganz ohne Zeiterfassung. Die Beschäftigten dürfen kommen und gehen, so wie sie es für richtig halten. Hauptsache, sie sind erreichbar und erledigen Ihre Aufgaben zu aller Zufriedenheit. Das hört sich erstmal gut an – doch wo ist der Haken?
Fakten zu Vertrauensarbeit
Mehr Freiheit bei Gestaltung von Beruf und Freizeit
Der Vorteil für Arbeitnehmer*innen ist, dass sich mit der Vertrauensarbeitszeit einiges leichter regeln lässt. Die Arbeit und Freizeit sind flexibler zu gestalten und die Zeit lässt sich besser einteilen. Allein durch diese Freiheit steigt häufig die Motivation der Belegschaft und deren Bereitschaft, Leistung zu erbringen. In der Regel werden „Kernarbeitszeiten“ von einigen Stunden pro Tag oder in der Woche vereinbart, zu denen die Mitarbeiter*innen im Büro zu sein haben. Das gilt dann insbesondere für gemeinsame Meetings und um die Aufgabenverteilung mit dem Team abzusprechen.
Grundsätzlich gibt es kein Zuspätkommen mehr. Der Stress am Morgen und auf dem Weg zur Arbeit entfällt. Es ist nicht zwingend erforderlich diese eine U-Bahn zu erwischen oder steht völlig entnervt zur Rushhour im Stau. Durch das Vertrauen, das der Arbeitgeber in sein Team setzt, steigt oft die Bindung der Mitarbeitenden zum Unternehmen. Das kommt dem Arbeitgeber zugute.
Die Work-Life-Balance verbessert sich nicht zwangsläufig
Viele Chefs setzen inzwischen auf das Konzept Vertrauensarbeitszeit – beispielsweise bei Banken wie der comdirect oder bei Softwareunternehmen wie Core Media. Der Grund: In der Regel nutzen Mitarbeiter die Arbeitszeit oft effizienter, weil sie ergebnisorientierter arbeiten. Viele nehmen die Denkweise von Selbstständigen an, frei nach dem Motto: Ein zügiges Arbeitstempo mit adäquaten Ergebnissen bringt wirtschaftlichen Erfolg.
Verbessert sich durch die Vertrauensarbeitszeit aber auch die Work-Life-Balance für Mitarbeiter*innen? Das erscheint zumindest fraglich. Das Statistische Bundesamt hat unter anderem festgehalten, dass Arbeitnehmer immer häufiger auch am Wochenende arbeiten. 9,7 % aller Vollzeit-Erwerbstätigen arbeiteten 2019 mehr als 48 Stunden pro Woche.
Überstunden als Risiko
Ein Risiko bei diesem Konzept ist, dass einigen Menschen das Selbstmanagement einfach nicht liegt. Sie verzetteln sich oft, können den Arbeitsaufwand für eine Aufgabe nicht korrekt einschätzen und geraten dadurch mit ihren Aufträgen in Verzug. Oft kommen zu der ursprünglich abgesprochenen Aufgabe noch Änderungen oder Zusatzaufgaben hinzu. Doch kaum einer möchte dem Chef dann sagen, dass er die Arbeit in dem vorgegebenen Rahmen nicht geschafft hat. Die Folge sind nicht erfasste Überstunden.
Wann beginnt eigentlich der Feierabend?
Wer bereits Erfahrungen mit Arbeiten im Homeoffice gemacht hat, kennt vielleicht das nächste Problem: Wann genau beginnt eigentlich der Feierabend? Wird der Laptop zu einem bestimmten Zeitpunkt wirklich zur Seite gelegt oder denken wir noch weiter über ein Arbeitsproblem nach und schreiben womöglich noch schnell an einem Bericht weiter?
Auch dass abends mal eben eine E-Mail beantwortet wird, ist bei diesem Arbeitszeitmodell mit größerer Selbstverständlichkeit gesehen als bei Arbeitsverträgen mit klassischen Arbeitszeitmodellen. Die Übergänge zwischen Arbeitszeit und Freizeit sind durch das Modell der Vertrauensarbeitszeit fließend.
Individuelle Fähigkeiten des Mitarbeiters sind entscheidend
Fazit: Vertrauensarbeitszeit hört sich erstmal gut an. Für Arbeitnehmer*innen stecken gefühlt mehr Risiken in diesem Arbeitszeitmodell als für Arbeitgeber. Entscheidend sind hier insbesondere die individuellen Fähigkeiten der Mitarbeiter*innen, sich selbst zu organisieren und zeitliche Grenzen zu setzen. Nur wenn die Beteiligten diese besitzen, können sie von der zeitlichen Flexibilität des Modells auch wirklich profitieren.

